all die Geschehnisse und Eindrücke aus dem bisherigen Erlebten, verborgen und behütet hinter den schweren Vorhängen des Vergessenen, sind prägend und in ihrer Wirksamkeit die eigentlichen Antriebe in meinem zeichnerischen Schaffen. Öffnen sich diese Vorhänge, so schwebt der Staub der Jahre auf die noch unbespielten Bühnen, setzt sich nieder und schafft geeignete Räume für den Zeichner. Sehe ich, die so entstandenen Wirrsale auf den duldsamen Arbeitsblättern, scheinen sie mir manchmal wie geopsychische Wegekarten, zurück – bis hin in die weit entfernte Kindheit. Unterwegs im Zeichnen sind mir die zufällig gewonnenen Momente sehr nahe. Oder, der Zeichenstift als Stecken zum stochern in den jeweils zeitlichen Gegenden und als Geh – hilfe.                 

Das Diffuse, das Zwielichtige sind meine eigentlichen Energieräume. Hier kann Zeichnung entstehen, besser noch, dort wird Zeichnung überhaupt erst möglich. Auch, die Zündungsmomente für ein gutes Blatt lodern im Verborgenen und die Zufälle sind meine geeigneten Zuspieler. Dies betrifft die inneren wie die äußeren Bilder. Erschütternde – bewegende, seismographische Momente werden zu idealen Auslösern von Entstehungsprozessen. Das Zeichnen kann aber auch durch die banale Wirkung der zufällig im Sichtfeld befindlichen Dinge, zu einer unabwendbaren Herausforderung animieren – als bestimmende Dominanz oder einer fadenscheinigen Randerscheinung in der Arens des Arrangements. Idealer Weise sind es jedoch die imaginären Blüten meiner inneren Gärten.

an manchen Tagen werfe ich viele Zeichnungen in den Papierkorb. Zerknülle das Blatt, um der Sache etwas endgültiges zu geben. Irgendwann später, beim Leeren des Papierkorbs entsteht eine Nachlese. Sorgsam glätte ich die Vernichtungen und beim neuerlichen Betrachten, kommen so beim einen oder anderen Exemplar die Zweifel. Einige dieser Wiederbelebungen, erscheinen im neuen Licht und wurden zu meinen Lieblingsstücken. Nun existieren schon seit langem eine Reihe von geretteten Arbeiten – ein wenig faltig, aber ich denke sie können sogar noch an den Falten gewinnen.

Schließe ich die Augen während dem Zeichnen, so entstehen Formen und Szenarien – kaum Vorbestimmbar. Es ist, als würden die Linien immer ein Stück weit vom gedachten Weg sich entfernen. Dabei entwickeln sich nur halbgedachte Ergebnisse. Aber in der Halbgedachtheit erblüht ein überraschender Kosmos. Ein, im normalen Zeichenprozess gefühlt – strenger Strich, entwickelt in der so beschriebenen Methodik (im blinden Zeichnen) eine ungeahnte zittrige Dynamik. Das Lineare rückt in der Gesamtheit, ein Stück weit in eine neue Dimension und überrascht durch ungeahnte Leichtigkeit. Formen wirken ein wenig hilflos, aber diese Hilflosigkeit bemüht eine bislang unbekannte Bildsprache, in welcher ein leichteres – angenehmeres Atmen zu vernehmen ist.

es war für mich schon immer sehr mühsam, mein Zeichnen anderen erklären zu müssen. Die bisherigen Versuche hierzu, scheiterten kläglich und die Leidenschaft des Zeichners in seinem spezifischen Tun, verpflichtet nicht zu Rede oder Interpretation seiner Arbeiten. Dennoch erlebte ich manche, in der Erläuterung des eigenen Werkes als wahre Wort-Akrobaten. Mir schien jedoch meist, dass – das eigentliche Werk dadurch in den Schattenwürfen dieser Wortgebilden an Glanz verlor. So kann es nicht Aufgabe von uns Zeichnern sein, unsere künstlerische Arbeit dem geneigten Publikum in geeigneten Worten zu erklären.

die Erscheinungsweisen von Zeichnungen sind in der Regel und ihrer spezifischen Vielfältigkeit nach, sehr spontane – sehr personifizierte Entstehungen und sind somit als gesamtes Genre unabdingbar dem jeweiligen Künstler zuzuordnen. Zeichnung, in ihrer Form, kann auch und ist es tatsächlich häufig, die wortfreie Notiz oder Beschreibung. Das Tafelbild – die Malerei, in ihrer typischen Entstehungsweise erscheint irgendwann als fertiggedachtes oder fertiggestelltes Konstrukt und hat vergleichsweise nie die Leichtigkeit einer Zeichnung.

Die Zufälligkeiten, Nebensächlichkeiten, verbreiten eine starke allseitige Wirkung auf mein künstlerisches Gemüt. Ich meine beispielsweise die Wirkungen von Probepapieren, Vorzeichnungen oder betagten Arbeitsunterlagen. Im belanglosen dahinschmieren oder freien Kritzeln auf diesen sogenannten Testpapieren, entstehen ungewollt sehr reizvolle Partituren. Dieser lockere Parallelprozess unterliegt keinerlei Gestaltungszwängen, er geschieht quasi nebenbei. Der Gestus der zeichnenden Hand wird hier anspruchslos, der Moment lässt fließen. Der manchmal alles vernichtende Umstand bei einem „ernsten“ Blatt entfällt. Ich meine die typischen Hemmungen, sich nicht in die außerhalb der vorgefertigten Zeichenmuster zu begeben.

In all den Jahren, in welchen ich nun schon Zeichne, waren meine Bemühungen um Ausstellungen oder zur Schaustellung der Arbeiten nicht gerade mein Interesse. Vielmehr, füllten sich die Schubladen meiner Zeichenschränke in einem Übermaß, so dass ich die Arbeiten teilweise ausquartieren musste. So dümpeln verschiedene Werke in geeigneten Schachteln oder bescheidenen Mappen dahin und warten auf ihre Offenbarungen. Vor einigen Jahren hatte ich damit begonnen, ein Werkverzeichnis anzulegen. Eine Gelegenheit für so manche Überraschung und Wiederentdeckung. Es wurde vor allem letztendlich die Notwendigkeit deutlich, einen Teil der Werke zu veröffentlichen. Wiedermal, nach sehr langer Zeit.